Wer in Wien lebt, kennt das Gefühl: Man bestellt eine Melange, bekommt ein Glas Wasser dazu und darf bleiben, so lange man will. Das Wiener Kaffeehaus ist weniger ein Ort zum Trinken als ein Ort zum Verweilen. Erstaunlich ist, wie ähnlich sich diese Idee rund 3.400 Kilometer weiter östlich anfühlt – im traditionellen persischen Teehaus, der Ghahvehkhaneh. In diesem Beitrag vergleichen wir zwei Kulturen, die beide aus dem Kaffee entstanden sind und beide vor allem eines verkaufen: Zeit.
Wie der Kaffee nach Wien kam#
Die Geschichte der Wiener Kaffeehauskultur beginnt im späten 17. Jahrhundert. Nach der zweiten Belagerung Wiens durch das Osmanische Reich im Jahr 1683 erzählt eine beliebte Legende von Säcken mit Kaffeebohnen, die das abziehende Heer zurückließ. Belegt ist, dass der Armenier Johannes Diodato 1685 das Privileg erhielt, in Wien Kaffee auszuschenken – der Beginn einer langen Tradition.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde das Wiener Kaffeehaus zum Wohnzimmer der Stadt. Schriftsteller schrieben hier, Studenten lernten, Geschäftsleute verhandelten. Typisch sind bis heute Marmortische, Bugholzstühle, Zeitungen in hölzernen Haltern und ein Ober, der niemanden zum Gehen drängt. 2011 wurde die Wiener Kaffeehauskultur in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.
Das persische Teehaus: Ghahvehkhaneh#
Auch im Iran begann alles mit Kaffee. Das Wort Ghahvehkhaneh (قهوهخانه) bedeutet wörtlich „Kaffeehaus“. Schon in der Safawidenzeit, im 16. und 17. Jahrhundert, gab es in Städten wie Isfahan Kaffeehäuser, in denen Dichter, Händler und Reisende zusammenkamen. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sich der Tee durch und verdrängte den Kaffee fast vollständig. Der Name aber blieb: Bis heute heißt das persische Teehaus „Kaffeehaus“, auch wenn dort kaum jemand Kaffee bestellt.
Im traditionellen persischen Teehaus wird der Tee kräftig aufgebrüht, oft aus einem Samowar, und in kleinen Gläsern serviert. Man sitzt auf breiten, mit Teppichen belegten Holzbänken, viele Teehäuser bieten dazu einfache, sättigende Gerichte wie Abgoosht an, den Eintopf aus Lamm, Kichererbsen und Bohnen. Mehr über Zubereitung und Rituale des Getränks lesen Sie in unserem Beitrag über persischen Tee.
Naqqali: Geschichten im Teehaus#
Was das Wiener Kaffeehaus mit Zeitungen und Literaten war, war das persische Teehaus lange Zeit mit seinen Erzählern. Beim Naqqali trägt ein Naqqal Geschichten aus dem Schahname vor, dem persischen Nationalepos des Dichters Ferdowsi – mit Gesten, Stimme und oft vor großen bemalten Bildtafeln. Diese Kunst wurde 2011 von der UNESCO auf die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes gesetzt, weil es immer weniger Meister gibt.
Wiener Kaffeehaus und persisches Teehaus im Vergleich#
Auf den ersten Blick trennt die beiden Orte vieles: Melange und Einspänner hier, tiefroter Tee im Glas dort. Doch die Gemeinsamkeiten überwiegen:
- Zeit statt Umsatz: Im Wiener Kaffeehaus darf man stundenlang über einer Tasse sitzen. Im persischen Teehaus wird nachgeschenkt, solange das Gespräch läuft.
- Das Wasser und der Zucker: In Wien gehört das Glas Wasser zum Kaffee. Im Iran nimmt man ein Stück Würfelzucker in den Mund und trinkt den Tee hindurch.
- Information und Unterhaltung: Wien hatte seine Zeitungen, das Teehaus seine Erzähler, Dichter und Musiker.
- Ein Ort für alle: Beide Häuser waren Treffpunkte, an denen Menschen verschiedener Herkunft am selben Tisch saßen.
Mehlspeise oder Gaz?#
Zur Kaffeehauskultur gehört in Wien die Mehlspeise – Strudel, Torte oder Kipferl. Im Iran stehen zum Tee Süßigkeiten wie Gaz aus Isfahan, Safran-Sohan oder Rosenwasser-Gebäck auf dem Tisch. Welche Klassiker man kennen sollte, zeigt unser Beitrag über persische Süßigkeiten.
Was beide Kulturen über Gastfreundschaft verraten#
Sowohl im Wiener Kaffeehaus als auch im persischen Teehaus zählt der Gast mehr als die Rechnung. Wer im Iran ein Teehaus betritt, wird freundlich begrüßt und bekommt sein Glas oft, bevor er überhaupt bestellt hat. Diese Haltung hängt eng mit Taarof zusammen, dem persischen Ritual der Höflichkeit, das wir im Artikel über Taarof erklären. In Wien dagegen gilt die berühmte Gelassenheit des Obers als Teil des Charmes – auch wenn ein Neuling sie manchmal mit Unhöflichkeit verwechselt.
Beide Orte zeigen: Ein Getränk ist oft nur der Vorwand. Eigentlich geht es um Gesellschaft, um Gespräche und um das Recht, einmal nichts tun zu müssen.
Fazit: Zwei Häuser, eine Idee#
Das Wiener Kaffeehaus und das persische Teehaus sind aus derselben Bohne entstanden und haben sich in verschiedene Richtungen entwickelt. Das eine wurde zum Symbol der Wiener Moderne, das andere zum Ort der Erzähler und des Tees. Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, dass gutes Essen und Trinken Zeit braucht. Wer also das nächste Mal im Wiener Kaffeehaus sitzt, kann ruhig an die Ghahvehkhaneh in Isfahan denken – und umgekehrt.
Persische Gastfreundschaft in Wien erleben#
Sie möchten nach dem Kaffeehaus auch die persische Seite kennenlernen? Im SANTOOR in der Florianigasse 20, 1080 Wien, servieren wir persische und iranische Küche aus einer Küche, die zu 100 % halal ist. Wir haben täglich von 12:00 bis 22:00 Uhr geöffnet. Ihren Tisch können Sie bequem über unsere Reservierungsseite buchen. Nooshe jan!